Piratengedöns

Einblicke in das Leben einer Piratin

Bin ich Feminist*in?

Hinterlasse einen Kommentar

Ich gebe zu, ich habe mich nie groß für Feminismustheorien oder Frauenpolitik interessiert. Zum Großteil liegt das wohl an meinem privaten Hintergrund: Ich entstamme einer ziemlich typischen sozialdemokratisch geprägten Mittelschichtfamilie. Ich bin damit aufgewachsen, dass beide Elternteile Vollzeit gearbeitet haben und wir Kinder in staatlicher Kinderbetreuung untergebracht waren. Meine Mutter arbeitet in einer Führungsposition und verdient, seit ich denken kann, mehr Geld als mein Vater. Meine Eltern haben das aber nie zum Thema gemacht. Mein familiäres Umfeld hat mich also glauben lassen, dass Frauen grundsätzlich alle Wege offen stehen und beide Geschlechter gleichberechtigt sind.

Dass dem nicht so ist, erkenne ich im Grunde erst jetzt, wo ich in meiner Lebensplanung an einem Punkt bin, an dem Gedanken zur Familienplanung und zur finanziellen Absicherung größere Relevanz bekommen. Plötzlich muss ich mich mit Themen wie Betreuungsgeld, Ehegattensplitting, Altersvorsorge auseinandersetzen. Mein biologisches und auch soziales Geschlecht zwingen mich geradezu dazu. Ich kann diese Themenbereiche nicht ignorieren. Und ich kann mich in diesen Themenbereichen nicht auf andere verlassen.

Antje Schrupp hat in ihrem Vortrag auf der OpenMind (#om12) sinngemäß gesagt, dass es gar keine Politik für Frauen geben kann, wenn Frauen an den politischen Entscheidungen nicht beteiligt waren. Ein Großteil unserer derzeit geltenden Gesetze wurde von Männern verfasst. Wie wurden darin also die Bedürfnisse von Frauen adäquat beachtet? Darauf bezugnehmend finde ich es umso erschreckender, dass wir derzeit Frauen in den entsprechenden Regierungspositionen zu sitzen haben, diese aber meines Erachtens nach keine Politik für Frauen machen.

Ich sehe in dem Betreuungsgeld beispielsweise nicht mehr als den Versuch der Bundesregierung, sich aus der Verantwortung freizukaufen, die Rahmenbedingungen für eine ausreichende Anzahl an Kinderbetreuungsplätzen zu schaffen. Und auch die Vorschläge zur Bekämpfung der Altersarmut sind doch nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Und dann das Thema Frauenquote. Ehrlich? Darüber könnte ich Bände schreiben. Vorerst beschränke ich mich aber auf das berufliche Umfeld.

In einer Dokumentation zum Fachkräftemangel in Deutschland (Quelle liefere ich bei Gelegenheit nach) hieß es einmal: In Deutschland gibt es im Grunde keinen Fachkräftemangel. Allerdings wird das Potenzial von 50% der Bevölkerung nicht ausgeschöpft. Es wurde betont, dass es sich Deutschland als Industrieland nicht länger leisten könne, auf die Arbeitskraft von Frauen zu verzichten. Das kann ich so unterschreiben.

Aber: Wo bleiben die Rahmenbedingungen, die es mir als Frau erlauben, sowohl meine Arbeitskraft zum Wohle der Gesellschaft einzubringen, als auch mein Privatleben mit Kindern und Familie zu planen?

Ein schönes Beispiel für diese Fragestellung liefert mir mein Arbeitgeber jeden Tag: Auf acht Führungspositionen sitzen fünf Frauen – alle ausnahmslos kinderlos! Es gilt also noch immer die Frage „Kind oder Karriere?“, obwohl wir längst bei „Kind und Karriere!“ angekommen sein sollten.

Was also tun? Schön wäre ja ein Patentrezept für die großen Fragen unserer Gesellschaft. Aber ich kann nicht zaubern und ein Wünschi bin ich auch nicht. Aber ich kann mich intensiver mit dem Thema befassen, mich mit anderen austauschen und auf Missstände hinweisen, um im besten Fall ein Umdenken und Veränderungen zu bewirken.

Ein erster kleiner Schritt ist der „Antrag zu gleichberechtigter Sprache“ für die KMV Bremen-Stadt am kommenden Sonntag. Für diesen Antrag muss ich mich besonders bei unseren feministischen Männern (!) in Bremen bedanken. Ich musste im Grunde nur noch meinen Namen darunter setzen.

Warum es eine gleichberechtigte Sprache braucht, hat Anatol Stefanowitsch, ebenfalls auf der OpenMind, sehr schön dargelegt. Ich muss seine Argumentation hier nicht wiederholen. Aber eines möchte ich deutlich machen: Eine „gender gap“ in der Sprache ist für mich nicht nur ein syntaktisches Mittel, um Gleichberechtigung in der Sprache zu erreichen. Es ist für mich auch ganz klar ein semantisches Mittel, um auszudrücken, dass es diese „gender gap“, also die Unterschiede zwischen Mann und Frau (biologisch, sozial, wie auch immer) in der realen Gesellschaft, im täglichen Zusammenleben, in der Arbeitswelt gibt. Dieses kleine sprachliche Mittel hat also eine viel weit reichendere Bedeutung.

Fangen wir also bei der „gender gap“ in der Sprache an, um die Lücken in der Gesellschaft nach und nach zu schließen.

So, nach diesen Ausführungen bin ich mir selbst noch die Antwort auf meine Ausgangsfrage schuldig: Bin ich Feminist*in?

Ja: Ich bin Feministin! Punkt.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s