Piratengedöns

Einblicke in das Leben einer Piratin


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Freiheit, die ich meine

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Die Sonne steht hoch über uns, Vögel zwitschern in den Bäumen, während wir uns durchs Unterholz schlagen. Immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. Was wird es heute sein? Laufen wir runter zum Fluss, um Steine springen zu lassen und den Schiffern auf den Lastkähnen zu winken? Stibitzen wir ein paar Maiskolben vom Feld? Oder spielen wir in der großen Scheune zwischen den Strohballen verstecken? Egal, die Welt gehört uns. Wir sind frei. Fast.

Sobald die Sommerferien vorbei sind, sind wir wieder eingesperrt. Nicht nur in das triste Klassenzimmer, sondern auch in ein Gerüst von Normen und Restriktionen. Als Kinder der DDR wachsen wir mit einem Sinn für Obrigkeit und Gehorsam auf, der uns schweigen lässt. In der Öffentlichkeit wird nicht frei heraus gesagt, was man denkt. Schon gar nicht wird widersprochen. Und wenn die Bananen in der Kaufhalle ausgerechnet dann aus sind, wenn du an der Reihe bist, schluckst du deinen Ärger runter und fängst nicht an zu diskutieren, dass die Konsum-Mitarbeiter bestimmt etliche für Freunde und Verwandte abgezwackt haben. Denn so hast du es von deinen Eltern gelernt: Verhalte dich unauffällig, gib keine Widerworte, tu, was man dir sagt.

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Freiheit, wenn es sie überhaupt gibt, findet nur im Privaten statt. Zuhause darf auch mal gemotzt und kritisiert werden. Und hier entstehen die besten Ideen, um das System auszutricksen und sei es nur, um an Baumaterial für zwei Schreibtische zu kommen. Eine Hand wäscht die andere. Und wenn doch etwas aus den eigenen vier Wänden nach draußen drang, zerbrachen Freundschaften. Denn wer, wenn nicht die engsten Freunde, konnten Informationen an die Stasi weiterverraten haben?

So wuchsen wir auf: Uns selbst kontrollierend, angepasst, vorsichtig. Und dann?

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Ich war acht Jahre alt, als die Mauer fiel. Meine Eltern schnappten sich meine Schwester und mich und zeigten uns die Welt, die ihnen vorher verschlossen war. So lernten wir schon in meiner Kindheit und Jugend fast ganz Europa kennen und wurden neugierig darauf, was es noch gibt. Wir lernten, Dinge zu hinterfragen, unsere Meinung zu äußern und auch mal unserem Ärger Luft zu machen. Und ich bin sicher: Wäre die Wende nicht gekommen, besonders nicht so früh in meiner Kindheit, ich wäre heute nicht hier. Vermutlich wäre ich eine kleine angepasste stille Lehrerin an einer ostdeutschen Grundschule. (Bitte, das soll kein abwertendes Urteil über Grundschullehrer_innen sein. Nur ich entspreche nicht mehr diesem Bild.)

Doch wie schon in meiner Kindheit, so ist auch heute die Freiheit trügerisch. Ich ertappe mich immer häufiger dabei, wie ich mir selbst einen Maulkorb auferlege. Wie ich eben nicht frei heraus meine Meinung äußere bzw. wie ich mein Verhalten kontrolliere.

Mit dem Schatten von INDECT über mir, denke ich häufiger über meine Schnürsenkel nach: Ich besitze ein paar grüne Sneaker – super bequem und ziemlich cool. Nur leider sind die Ösen so scharfkantig, dass meine Schnürsenkel alle drei Monate reißen. Ich trage deswegen sogar immer ein paar Ersatzschnürsenkel bei mir. Die Frage ist nun: Wie soll ich mich verhalten, wenn demnächst wieder die Schnürsenkel reißen und ich zufällig in Berlin bin, sagen wir, an einem Regierungsgebäude vorbeikomme? Mache ich mich verdächtig, wenn ich ausgerechnet dort stehenbleibe, um neue Schnürsenkel in die Schuhe einzufädeln? Oder errege ich mehr Aufsehen, wenn ich mit gerissenen Schnürsenkeln weiterlaufe, um zu einem weniger verdächtigen Ort zu kommen?

Ihr dürft das ruhig albern, kindisch, meinetwegen auch schizophren nennen. Aber diese Gedanken treiben mich tatsächlich um. Dieses Denken ist bei mir gelernt.

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Als ich vor einem Jahr eine Flyeraktion zum OptOutDay angemeldet hatte, bekam ich prompt einen Anruf der Polizei, ich möge doch bitte einmal den Flyer zur Begutachtung vorlegen. Es könnten ja verfassungsfeindliche Inhalte enthalten sein. Und natürlich habe ich kooperiert und den Entwurf weitergeleitet, obwohl „Roflcopter GTFO“ wahrscheinlich auch eine akzeptable Reaktion gewesen wäre. Und erst gestern durfte ich mir anhören: „Du kannst dich doch nicht öffentlich beschweren. Betone einfach das Positive und lass‘ das Schlechte weg.“ Als ob es so einfach wäre. Ich möchte mir doch nicht vorschreiben lassen, was ich schreibe, denke, fühle.

Und doch sind sie da: die Schranken, die Schere im Kopf, das zurückgenommene Handeln. Wenn ich in Orwells 1984 lese: „Du bist ein Gedankenverbrecher.“ dann fühle ich mich leicht ertappt. Dabei bedarf es gar keiner Gedankenkontrolle von außen, ich kontrolliere mich ja bereits selbst. Und warum?

Lasst mich nachdenken: VDS, BDA, Prism, Tempora, XKeyscore… Jede dieser unschuldig daher kommenden Buchstabenketten schränkt meine Freiheit ein, setzt meinem Denken und Handeln Grenzen.

Sicher, ich könnte mich zurücklehnen und mit solch Argumenten kommen wie: „Ich habe doch nichts zu verbergen.“ oder „Die NSA langweilt sich bestimmt bei meinen E-Mails.“ Aber selbst wenn das so ist und ich auch sonst ein recht offenes Leben in diesem Internet führe: Ich habe zum einen eine Verantwortung den Menschen gegenüber, mit denen ich kommuniziere und die eben nicht alles so offen in die Welt tragen (möchten). Und zum anderen: Es geht euch schlichtweg nichts an!

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Ich war wirklich so naiv zu glauben, dass ich diesen Überwachungsstaat, der sich in das „Wohl“ seiner Bürger einmischt, mit der Wende hinter mir gelassen hätte. Aber die Geschichte wiederholt sich. Und was nun? Revolution?

Irgendwo in meinem Regal steht das Buch „Call me a radical“ von Saul D. Alinsky. Aber Revolution kann man nicht aus einem Buch lernen. Dabei müssten wir gerade jetzt viel radikaler, aufrührerischer, mutiger sein, um die Menschen, also alle und nicht nur die Filterblase, wachzurütteln und endlich erkennen zu lassen, welches Damoklesschwert gerade über unseren Köpfen schwebt. Aber was rede ich? Ich bin ja selbst nicht radikal. Handzahm trifft es wohl eher. Auf der FSA habe ich mich lieber hinter meiner Kamera versteckt, statt vorne weg zu laufen: Dokumentieren ist um so vieles einfach als Skandieren.

Aber wir sitzen auf einem Pulverfass. VDS, BDA, Prism etc. sind einzelne Funken, die sich daran entzünden. Wie viele Funken braucht es noch, bis das Pulverfass hochgeht?

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Weitere Fotos der „Freiheit statt Angst“-Demonstration findet ihr auf meinem Flickr-Account. Fotos und Text stehen unter CC-By-SA 3.0. Den Text zur Lizenz findet ihr hier.